Journalismus

Das Privileg der Journalist*innen

Neulich hab‘ ich mir folgende Notiz in meinem Handy gemacht: Journalist*innen müssen das Korrektiv sein, für die internalisierten Rassismen unserer Gesellschaft! „Puh, meine Güte. Was müssen Journalist*innen denn noch alles? Und außerdem, ich bin auf gar keinen Fall ein*e Rassist*in!“ denkst du jetzt vielleicht. Und das verstehe ich. Denn mir geht es genauso. Als vor einigen Monaten der Hashtag #Metwo durch die Medien ging, unter dem People of Colour ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus schildern, dachte ich auch erstmal „Na sowas mach‘ ich ja nicht!“ Aber Fakt ist: In unserer Gesellschaft sind weiße Menschen ohne Migrationshintergrund privilegiert. Und wenn du ein solcher bist, dann hast du mit Sicherheit Rassismen verinnerlicht, die dir gar nicht so auffallen. Hast du zum Beispiel schon mal einer Person of Colour einfach so in die Haare gefasst? Sprichst du People of Colour reflexartig erstmal auf Englisch an? Oder hast du schonmal „ach, du sprichst aber gut Deutsch!“ zu jemandem gesagt, der eine dunklere Hautfarbe als du hat?
All das sind Dinge, die uns gar nicht auffallen, die für People of Colour aber den entscheidenden Unterschied machen.

Das Privileg der Journalist*innen

Journalismus und White Fragility

Als Mesut Özil über Rassismus innerhalb der Nationalmannschaft sprach, sagte Per Mertesacker dazu: „Ich habe in der Nationalelf nie Rassismus oder Diskriminierung erlebt.“ (Quelle) Tja nun. Das ist als weißer, blonder, blauäugiger Deutscher vielleicht keine Überraschung.
Mertesacker ist weder dumm, noch ignorant gegenüber Diskriminierung von Minderheiten. Ihm fehlte in diesem Moment nur das Bewusstsein für seine eigene „White Fragility„, also dafür, dass sein Weißsein in dieser Frage eine große Rolle spielt. „Weiße [leben] in einer Welt […] , in der sie 24 Stunden, sieben Tage die Woche in ihrer race bestätigt, repräsentiert und als normal angesehen werden. Wir erfahren nie, wie es ist, sozialen Druck wegen unseres Weißseins zu erleben. Deshalb können wir nicht damit umgehen, wenn genau das passiert. Wir reagieren wütend und ablehnend, um dieses unangenehme Gefühl zu beenden. Das ist eine mächtige Form weißer Kontrolle […]“, so die Soziologin Robin DiAngelo in einem Interview mit Zeit Campus.

Kontrolle und Verantwortung

Warum haben wir also als Journalist*innen eine besondere Verantwortung? Wir haben den Anspruch, die „fünfte Gewalt“ zu sein. Eine Kontrollinstanz für Staat und Gesellschaft. Dabei ist der Journalismus selbst so unglaublich wenig divers!
„Die meisten Chefredakteure in deutschen Medien sind Männer. Das Bild der Frau, das Bild des Mannes, ihre Rollen und gesellschaftlichen Aufgaben werden in der Öffentlichkeit weitgehend aus männlicher Sicht dargestellt.“ So formuliert es der Verein Pro Quote Medien in einer Studie zur Geschlechterverteilung.Besonders der Regionaljournalismus ist stark hierarchisch und patriarchal geprägt.
Weitere Schranken sind folgende Faktoren: Kaum Zugang zum Journalismus ohne Studium; kein Job ohne finanzielles Polster für unbezahlte Praktika, große Konkurrenz unter den Bewerbern und wenig Aussicht auf feste Stellen. Das ist schon für Studierende mit deutscher Schulausbildung und Muttersprache eine Herausforderung. Umso mehr für Menschen, die aus anderen Ländern kommen und andere sprachliche bzw. kulturelle Wurzeln mitbringen: Jede*r fünfte Einwohner*in in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, in den Redaktionen nur jede*r fünfzigste!

Umdenken und zuhören sind gefragt!

Deshalb müssen wir als Journalist*innen Verantwortung übernehmen. Vielleicht erreichen wir als Einzelpersonen keine Verbesserung dieser Quoten. Aber wir „sind drin“. Geben wir denen eine Stimme, die in den Redaktionen nicht vertreten sind! Um auf das konkrete Beispiel der Aussage von Per Mertesacker zurück zu kommen: Hier wäre zumindest ein*e Journalist*in wichtig gewesen, die das Zitat einordnet. Aber warum spricht man überhaupt mit Mertesacker über Rassismen in der Nationalmannschaft? Warum gibt man einem weißen Mann die Deutungshoheit über ein Thema, das ihn in seiner Lebensrealität niemals betreffen KANN? Die einzig wahre Antwort wäre gewesen: „Das kann ich nicht beurteilen.“
Denn genau so ist es: Als weiße, privilegierte Menschen können wir Rassismuserfahrungen nicht einschätzen und beurteilen. Wir müssen denen zuhören, die das können.

Die eigenen Rassismen reflektieren

Frau DiAngelo sagt, wir müssen uns die Frage stellen, wie sich Rassismen in unserem Leben äußern. Dafür müssen wir diese erkennen und das geht nur, wenn wir bedingungslos denen zuhören, die sie erleben. Ohne diese Menschen kleinhalten, bevormunden oder relativieren zu wollen. Als Journalist*innen haben wir die Mittel, Minderheiten sichtbar zu machen. Sei es, indem wir Bücher von People of Colour besprechen, Reportagen über diese Menschen machen oder ihnen für eine bestimmte Zeit unsere Social Media Kanäle zu überlassen.
So lange der Journalismus nicht divers genug ist, liegt es an uns, das zu korrigieren – und sei es nur im Kleinen!

Warum „keine Zeit für Social Media“ keine Ausrede mehr ist

Social Media für Journalisten

Liebe Journalisten: You´re late! You´re late! For a very important date! Ja, stellt euch mich bitte vor, wie das weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland, das euch zur Eile antreibt! Denn ihr seid verdammt spät dran, mit Social Media! Und seid versichert, ihr werdet nicht plötzlich in einen Kaninchenbau fallen, in dem magisch alle eure Probleme gelöst werden. Dafür müsst ihr selbst etwas tun. 

Der erste Schritt dazu ist, mit den Ausreden aufzuhören. Ich weiß, wie stressig der Redaktionsalltag bei einer (Lokal-) Zeitung ist. ich weiß, du hetzt von Termin zu Termin und hast ohnehin kaum Zeit zum Schreiben. Und ich weiß auch, dass man sich in die verschiedenen Social Media Plattformen erst einarbeiten muss. Und gerade unter Redaktionskollegen gerät man so schnell in diesen Strudel der gegenseitigen Bestätigung, dass Social Media sowas von ominös, undurchschaubar und unnötig ist. Oder, dass das alles unseriöser Influencerkram voller Schleichwerbung ist. 

SOCIAL MEDIA IST EIN MUSS FÜR JOURNALISTEN

Aber was ist denn die Alternative? Ja, kann sein, dass ihr alle keine Zeit habt, Social Media zu lernen. Kann sein, dass euer Redaktionsalltag so stressig ist, dass auf keinen Fall Raum für so neumodisches Zeug ist. Aber, indem ihr das gebetsmühlenartig wiederholt, haltet ihr nicht die Welt an. Es wird Redaktionen und Journalisten geben, die sich die Zeit dafür nehmen. Von denen werdet ihr dann meilenweit abgehängt.

Während ihr euch das selbst immer wieder einredet, denkt doch auch mal kurz an die Alternative. Irgendwann werdet ihr es können müssen – oder zum alten Eisen gehören und nutzlos sein. Klingt hart, das weiß ich. Aber ich sag´ das, weil ich dir helfen kann, das zu vermeiden.

DEINE (ZUKÜNFTIGEN) ZEITUNGSKUNDEN SIND ONLINE

Junge Menschen (vor allem zwischen 18 – 24 Jahren) nutzen bevorzugt Instagram als Nachrichtenquelle. Deshalb tut sich dort einiges. Anbieter wie die TagesschauSpiegel online und viele andere, machen ihre Sache dort inzwischen RICHTIG gut. Noch jünger sind Formate wie die Mädelsabende (ARD/ZDF) oder die News-WG (Bayrischer Rundfunk). 

Auf Facebook wirst du hauptsächlich deine „aktuellen“ Leser antreffen. Die größte Gruppe der Facebook-User ist zwischen 30 und 60 Jahre alt. Sie suchen auf Facebook nach Kontakten, Unterhaltung, aber auch Information. Nicht umsonst erfreuen sich regionale Gruppen, in denen über Polizei- Feuerwehr- und Rettungseinsätze informiert wird, großer Beliebtheit. 

„SOCIAL“ IST EIN NEUER ASPEKT

Hole diese Leser (und Kunden!) also da ab, wo sie sind. Gib ihnen die Möglichkeit, die Menschen hinter den Artikeln kennen zu lernen – auch wenns schwer fällt. 

SOCIAL Media heißt nicht umsonst so. Moderne Leser wollen keine kalten, unantastbaren Zeitungsredakteure. Sie wollen Menschen mit Gefühlen und Meinungen, sie wollen den sozialen Aspekt der Berichterstattung, die Kommunikation. Diese Entwicklung ist der Grund, aus dem Blogger so erfolgreich und einflussreich sind. 

Diese Entwicklung kann man finden wie man will – aber sie ist da und will bedient werden. Viele Zeitungsredaktionen unterschätzen sie gerade fatal. Mehr zum Thema „Warum Journalisten oft an Social Media scheitern“ findest du im verlinkten Blogpost.

ÄNDERE DEIN MINDSET! 

Mach´doch bitte frei von dem Gedanken, dass Journalismus und Social Media nicht zusammen passen, oder dass Social Media unseriöser Influencerkram ist. Social Media ist immer so seriös wie du deine Beiträge anlegst! Setze dir klare Grundsätze, lasse dich vielleicht sogar zu Beginn einmal von einem Anwalt beraten. 

Und dann fang´ an Spaß zu haben! Gehe mit Kreativität und Leidenschaft an diese neue Aufgabe. Nutze sie, um Dinge zu erschaffen, die du im Print-Alltag nicht unterbringen kannst. Tobe dich aus und sieh Social Media als Kür – nicht als lästige Pflicht. Es macht Spaß, versprochen! Denn denke immer daran: Was ist die Alternative?

Warum Journalisten an Social Media scheitern

Social Media für Journalisten

Ich habe mich kürzlich auf Twitter mit einem Kollegen unterhalten, den ich sehr schätze. Er schrieb sinngemäß, dass es einem „soliden Journalismus“ im Weg stehe, wenn Journalisten für Reichweite zuständig seien. 

Wir haben die Diskussion dann ein wenig vertieft und es stellte ich heraus, dass er etwas anderes meinte: Nämlich, dass Journalisten nicht vorrangig SEO-optimiert und für eine Zielgruppe schreiben dürfen, weil sie der Neutralität verpflichtet sind. Das stimmt natürlich. 

Aber die Sache mit dem Journalismus und der Reichweite führt zu einem der verbreitetsten Denkfehler in Redaktionen. Und dieser Denkfehler ist der Grund, warum Journalisten bisher so kläglich an Social Media scheitern:

1. JOURNALISTEN MÜSSEN NICHT FÜR REICHWEITE SORGEN?

Lass´mich das Pflaster schnell abreißen: Doch. Müssen sie. Du kannst keinen journalistischen Text schreiben, ohne darüber nachzudenken, wer ihn lesen will. Auch im Print nicht. Das fängt bei der Themenauswahl bereits an: Du schreibst über aktuelle Themen, die einen Nerv treffen. Auch wenn du selbst dich für völlig andere Dinge interessierst und du privat vielleicht sogar eine völlig andere Meinung hast. Wie du zum Beispiel viralen Content auf Twitter produzierst, habe ich hier erklärt. 

Sich dieser Selbstverständlichkeit online plötzlich zu verwehren, nur weil Online-Reichweite für dich einen Beigeschmack nach Influencertum und Schleichwerbung hat, ist wenig sinnvoll. Vielmehr gilt es, die Möglichkeiten, Reichweite zu gewinnen, journalistisch zu interpretieren. 

SEO-konform schreiben ist für Journalisten ganz großer Blödsinn. SEO mitdenken ist absolut erwünscht.

REICHWEITE KANN AUF MEHR ALS EINE ART GENERIERT WERDEN!

Man muss für Online-Reichweite nicht als Klischee-Influencer seine Seele verkaufen. Im Gegenteil, die Algorithmen entwickeln sich mehr und mehr in eine Richtung, die Journalisten in die Karten spielt. Schon lange muss man für mehr Reichweite nicht mehr möglichst viele SEO-Keywords in einen Text pressen. 

Im Gegenteil, das sogenannte „keyword-spamming“ wird von Google inzwischen abgestraft. Es geht nämlich zu Lasten der Lesbarkeit und damit zu Lasten der Nutzerfreundlichkeit. 

Content is King und erzeugt Reichweite. Und das ist für Journalisten von Vorteil. Denn kaum jemand hat die Möglichkeit so nachhaltigen, gut recherchierten Content wie ein Journalist zu produzieren. Die Zielgruppenoptimierung muss dann über die Verteilung des Contents auf die verschiedenen Netzwerke geschehen. Und darüber, welcher Content überhaupt online geht.

2. JOURNALISTEN PRODUZIEREN (UND SETZEN) KEINE BACKLINKS

Überraschung: Social Media heißt Social Media, weil man sich darin sozial verhalten sollte. Und das bedeutet nicht nur Communityaufbau und -Pflege, sondern auch gegenseitige Empfehlungen und „Mundpropaganda“. Die Mundpropaganda des Internets sind Verlinkungen, sogenannte „Backlinks“. Die sagen Google, dass deine Website gut und interessant ist. 

Wie bekommst du nun also Backlinks?

  • Zunächst einmal, indem du deinen Content auf Social Media postest, und zwar so, dass er von Suchmaschinen gefunden wird. 
  • Dann solltest du selbst Backlinks setzen – sorge dafür, dass du Seiten, Menschen, Geschäfte, quasi alles worüber du schreibest, möglichst verlinkst. Der automatische Reflex des Gegenüber ist dann, dich ebenfalls zu verlinken.
  • Veröffentliche Gastartikel. Auch ein „Marie Mustermann schreibt normalerweise hier für die Buxtehuder Nachrichten.“ ist ein Backlink! 
  • Organisiere eine Challenge oder einen Wettbewerb, bei dem die Teilnehmer auf deine Seite verlinken müssen. Fotowettbewerb, anyone? Minimaler Aufwand, sehr vielfältiger Nutzen!

3. JOURNALISTEN DENKEN NICHT AN KEYWORDS

„Moment mal, gerade hast du noch gesagt, ich brauche keine Keywords!“ Falsch, du sollst sie nur nicht inflationär benutzen! Überlege dir ein knackiges Keyword zu deinem Text und baue es in die Onlineversion ein – in die Überschrift und ein paar mal möglichst am Anfang des Textes. Synonyme sind dabei übrigens auch erlaubt. 

Baue deine Keywords auch in die Bildtitel und -beschreibungen ein. Auch dort sucht Google und je besser die Bildbeschreibungen zu deinem Thema passen, desto besser dein Google-Ranking. 

KEYWORDS IN DEN SOZIALEN MEDIEN NUTZEN

Auch auf deinen Social Media Profilen solltest du Keywords nutzen. Sorge dafür, dass deine Leser dich über die Suche (und über Suchmaschinen) finden können und dass sie sofort wissen, worum es bei dir geht.

4.WEBSITES SIND NICHT USERFREUNDLICH

Viele Zeitungswebsites sind nicht für Mobilgeräte optimiert oder haben riesige Bilder und Videos, die eine Ewigkeit zum laden brauchen. Auch so etwas berücksichtigt Google beim Ranking. Damit musst du dich nicht beschäftigen, aber sprich doch einmal die IT-Abteilung darauf an. 

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