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„Das Zusammenspiel zwischen Fans und Verein ist ein immanenter Bestandteil.“ – Mara Pfeiffer über Fußball, wie er sein sollte

Mara Pfeiffer ist Journalistin, Autorin, Podcasterin und Fußballfan. Das ist manchmal anstrengend, denn ihr Herz schlägt für den FSV Mainz 05 – und für einen progressiven, diversen und inklusiven Fußball. Als Teil des Podcasts „Frauen reden über Fußball“ (FRÜF) sorgt sie für mehr weibliche Stimmen im Fußball. In ihren Mainz-05-Krimis „Im Schatten der Arena“ und „Vergiftete Hoffnung geht es um Themen wie Homophobie und Rassismus. In unserem Gespräch sprach sie über Fußball, wie er sein sollte, über die Macht kleiner Vereine und über ihren neuen Krimi „Vergiftete Hoffnung“

Wortpiratin Mara Pfeiffer sitzt lächelnd vor einer Backsteinwand.

Foto von Fotofarmer Mainz

Solveig Haas: In deinem Buch „Vergiftete Hoffnung“ geht es um Fußball, wie er sein sollte. Die Hauptfigur, Journalistin Jo, setzt eine gewisse Diversität einfach voraus und ändert so schon ganz viel. Glaubst du, dass das gerade auch in der Bundesliga passiert, weil die Fans immer inklusiver und diverser denken?

Mara Pfeiffer: Wichtig finde ich erstmal zu sagen: „Den Fußball“ gibt es nicht, weil im Stadion einfach ganz verschiedene Menschen zusammenkommen. Insgesamt werden für mein Gefühl diejenigen, die sich einen „faireren“ Fußball wünschen, entweder mehr oder machen sich lauter bemerkbar. Sie waren aber immer da. Ein Beispiel sind die Ultras, die sich neben ihrer Rolle im Stadion stark sozial engagieren, aber von der Gesellschaft in der Rolle selten wahrgenommen oder gar gewürdigt werden. Was sie an sozialer Arbeit leisten, geht oft unter oder wird bewusst nicht thematisiert.

Es gibt aber parallel in Teilen auch eine Rückwärtsbewegung, die ja gesamtgesellschaftlich ist und insgesamt bedenklich. Mit dieser Entwicklung der letzten Jahre gibt es wieder mehr Leute, die finden, bestimmte Dinge seien „sagbar“, Stichwort rassistische Beschimpfungen im Stadion. Umso wichtiger ist es, laut zu sein bei diesen Themen – und auch sehr deutlich zu werden.

Solveig Haas: Das gab es aber schon immer, oder? Hat das wieder zugenommen, oder war es einfach nie weg?

Mara Pfeiffer: Rassismus war leider nie weg, aber in den letzten 20 Jahren haben wir ihn im Stadion schon sehr viel kleiner bekommen. Nun meinen manche, es sei mutig, Menschen abzuwerten und zu beleidigen. Das hat aber mit Mut natürlich überhaupt nichts zu tun, ganz im Gegenteil.

Solveig Haas: Liegt das auch daran, dass die Fans insgesamt immer wütender werden, weil sie weniger Teilhabe bekommen, weil der Fußball sich immer mehr von ihnen entfernt?

Mara Pfeiffer: Nein, die Fans, die sich engagieren und die Leute, die solche Sachen raushauen, das sind völlig unterschiedliche Gruppen. Ohne jetzt Klischees zu bedienen, aber wer so gegen andere geht, muss schon insgesamt sehr unzufrieden sein mit dem eigenen Leben. Außerdem steckt da ein völlig fehlgeleitetes Selbstverständnis dahinter, selbst mehr wert zu sein als andere.

 

Mara Pfeiffer, die „Wortpiratin“, schreibt, seit sie einen Stift halten konnte – das schreibt sie selbst auf ihrer Homepage. Als Kolumnistin bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung schreibt und spricht die Wiesbadenerin über ihren Herzensverein Mainz 05. Im SWR, beim Bundesligaradio von Amazon und in der ran-Bundesligashow ist sie Expertin für Mainz 05, bei BBC World Service Sport spricht sie über die Bundesliga.

Als Autorin hat sie bisher fünf Bücher veröffentlicht. „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“, „111 Gründe, an die große Liebe zu glauben“, „Unzertrennlich – 20 Geschichten von Zwillingen“, außerdem die beiden Mainz-05-Krimis „Im Schatten der Arena“ und „Vergiftete Hoffnung“. 

Solveig Haas: Gerade stoßen zwei Gruppen aufeinander: Fans klagen über zu wenig Teilhabe und darüber, dass der Fußball sich immer mehr von ihnen löst. Gleichzeitig sprechen immer mehr Fußballer*innen über zu viel Druck und zu viele Erwartungen. Ist das ein Teufelskreis oder könnte eine Zusammenarbeit sogar die Lösung sein?

Mara Pfeiffer: Ich nehme es nicht so wahr, dass die Fußballer den Druck vonseiten der Fans bekommen. Interviews wie die von Per Mertesacker oder André Schürrle haben ja eher die Mechanismen auf der Businessebene des Fußballs thematisiert und nicht die Fans. Letztlich wollen diese beiden Parteien glaube ich etwas sehr ähnliches, nämlich einen menschlicheren Sport. Natürlich ist Fußball ein Business und klar geht es um Geld, aber die Frage ist, wo sind die Grenzen. Wie weit treibt man das, bis man realisiert, dass es dabei eben um Menschen geht?

Solveig Haas: Per Mertesacker schreibt in seinem Buch, ihm wurde gesagt „Du musst da raus und Interviews geben, du gehörst den Fans.“ Das kommt also eher von außen, nicht von den Fans selbst?

Mara Pfeiffer: Ja, ganz sicher. Ich empfinde es definitiv nicht so, dass Fans der Meinung sind, Fußballer*innen würden ihnen gehören. Mit einer gewissen Prominenz geht natürlich immer einher, dass einige Leute glauben, sie hätten einen Anspruch auf dich. Aber eigentlich würde ich doch von einem Fußball, wie ich ihn mir vorstelle, denken, dass man den Spieler*innen selbst überlässt, ob sie sich in der Lage fühlen und Lust haben, ein Interview zu geben. Und ganz ehrlich, wenn wir von den Interviews direkt nach Spielende sprechen, die liefern jetzt auch keinen großartigen Erkenntnisgewinn. Wieso sollten gerade Fans auf sowas bestehen?

Solveig Haas: Du sprachst gerade von „Fußball, wie du ihn dir vorstellst“. Könnten kleinere Vereine wie Freiburg, Augsburg oder auch Mainz da Vorreiter oder Pilotprojekte für einen „faireren“ Fußball sein?

Mara Pfeiffer: Schaut man auf die Entwicklung der letzten Jahre, passieren bei diesen Vereinen schon viele gute Dinge. Es ist ein Vorteil, nicht so im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Gerade Mainz und Freiburg sind gute Beispiele für eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit. Ich habe aber leider das Gefühl, dass das Business in den letzten Jahren so zieht, dass kleinere Vereine dem eher mehr nachgeben. Ich wäre da gern optimistischer, sehe aber kaum Anlass. Gerade deshalb sind Fan-Initiativen wie „Unsere Kurve“ oder „Zukunft Profifußball“ so wichtig, weil sie den Finger in die Wunde legen und Öffentlichkeit für Themen schaffen. Wenn man da nicht einen gewissen Druck aufbaut, bleibt irgendwann nur noch das Geschäft übrig und wenn Fußball ausschließlich um seiner selbst willen stattfindet, das sieht man bei diesen bizarren Geisterspielen, verändert sich das Wesen des Sports. Das Zusammenspiel zwischen Fans und Verein ist ein immanenter Bestandteil des Fußballs.

Solveig Haas: Frauen im Fußball, Kommentatorinnen, Expertinnen und Schiedsrichterinnen bekamen bisher auch oft Steine in den Weg gelegt. Verbessert sich da gerade etwas?

Mara Pfeiffer: Es ändert sich durchaus etwas, aber natürlich ist immer mehr wünschenswert. Das ist aber ein gesamtgesellschaftliches Thema: Wie mit Frauen in Expert*innenrunden umgegangen wird, dass oft gar keine Frau dabei ist oder nur eine, meist weiße, zwischen lauter alten weißen Männern. Das soll dann aber reichen, mehr Diversität wäre echt zu viel verlangt, BIPoC (Black Indigenous People of Colour), Enbys – wo kommen wir denn da hin. Da hilft es glaube ich nur, hartnäckig zu bleiben und zu nerven. Keine besonders dankbare Aufgabe, das kann ich auch aus eigener Erfahrung sagen, aber aus meiner Sicht der einzige Weg.

Solveig Haas: Zurück zu deinem Krimi: Welche deiner Ziele für den Fußball verfolgt auch deine Protagonistin Jo?

Mara Pfeiffer: Jo macht sich glaube ich wenig Gedanken über Ziele, sie handelt eher intuitiv und folgt dabei ihrem inneren Wertekanon. Sie hat sensible Antennen für Ungerechtigkeiten und möchte diese nicht stehen lassen. Sie möchte Dinge zum Positiven verändern. Darin ähneln wir uns.