Stadiongeschichten

Stadiongeschichten – „Papa, warum hat der Mann geschossen?“

Commerzbank Arena Frankfurt

Am Tag nach dem Anschlag in Hanau ist mir nach Gesellschaft. Nach den vergleichsweise simplen Emotionen eines Fußballspiels, nach gemeinsam Dinge fühlen, die nichts mit dem rechtsextremen Terror da draußen zu tun haben. Zwei Stunden vor Spielbeginn kaufe ich eine Karte für das Spiel der Frankfurter Eintracht gegen RB Salzburg. Mir den Glauben an die Menschheit zurückholen. Stadion ist gut gegen Weltschmerz.

Aber daraus wird erstmal nichts. Hinter mir sitzt ein Junge, sechs oder sieben Jahre alt, mit seinem Vater. Und dem Kleinen ist nicht nach Weltschmerz vergessen. 
„Papa, warum hat der Mann die alle tot geschossen?“ fragt er. Der Vater kämpft. Er findet keine Worte, vielleicht weiß er es auch noch nicht genau. „Der war ganz krank im Kopf“, sagt er schließlich. „Und jetzt gucken wir mal Fußball!“ Das ist ihm nicht vergönnt, sein Sohn hat Fragen. „Haben die Kinder das gesehen, wie die alle tot waren?“ fragt er weiter. „Da waren keine Kinder, Schatz. Das war Nachts, da haben die Kinder geschlafen.“ Der Vater überlegt kurz, will ganz sicher gehen. „Außerdem tut man doch kleinen Kindern nichts, das macht doch keiner, oder?“  Die Worte eines Vaters, der möchte, dass sein Sohn weiterhin gut schläft. Kindern tut doch keiner was. Ein wenig Beruhigung, für einen kleinen Jungen, der seine heile Welt an allen Ecken splittern sieht. Kurz ist er abgelenkt, von „Im Herzen von Europa“, das er leidenschaftlich mitgrölt und vom Einmarsch der Mannschaften.
Aber dann kommt die Schweigeminute. Der Stadionsprecher spricht von Fremdenhass und Ausgrenzung und davon, dass der Täter einst für die Eintracht Fußball spielte. Es rattert merklich, im Kopf des Jungen. Die Sache mit der Krankheit im Kopf kommt wohl nicht so ganz hin. Da muss noch mehr sein.

Das Stadion schweigt. 47.000 Menschen in stiller Trauer. Gemeinsam gedenken tut gut.

Bis ein paar Gästefans laut in das Schweigen rufen.

Frankfurt reagiert prompt. „Nazis raus!“ skandiert das ganze Stadion, ohrenbetäubend laut. Pfiffe, Buhrufe, in Richtung des Gästeblocks gereckte Mittelfinger und Beschimpfungen. „Das ist jetzt wirklich nicht für Kinderohren geeignet…“ seufzt der Vater in der Reihe hinter mir gequält. Er erklärt, warum man keine Schweigeminute stören darf. Und der Junge gibt sich damit zufrieden. Aber jetzt sind die Worte da. Nazis. Rassismus. Hass. Der Junge wird sie sich merken, er wird später nochmal nachfragen. Nach dem Fußballspiel. Und dann wird er hoffentlich von seinem Vater lernen, was war und was nie wieder sein darf. 

Die Frankfurter Eintracht gewinnt vier zu eins. Aber das ist fast egal. Nicht egal ist, dass die Mannschaft nach dem Spiel geschlossen in die Kurve geht und zum Fanblock spricht. Was Kapitän David Abraham sagt, ist auf der Gegentribüne nicht zu verstehen. Aber danach schallt wieder „Nazis raus, Nazis raus!“ durch’s Stadion. Und während ich mir vorstelle was das für ein Gefühl sein muss, für diese elf Männer aus aller Herren Länder und für jeden Menschen in diesem Stadion, der schon einmal Rassismus erfahren hat – währenddessen glaube ich kurz daran, dass wir mit „Nazis raus!“ jetzt endlich Ernst machen.

Die Stadiongeschichten sind kleine Erzählungen um den Fußball 
- manchmal mit mehr Gewicht, manchmal mit weniger.
Am liebsten abseits des großen Kommerzzirkus
und mit Blick auf die kleinen, feinen Momente. 
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